Hans Thoma

Biographie

Quelle: Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon

Geboren am 1839 in Oberlehen, einem Ortsteil von Bernau im Schwarzwald, gestorben 7.11. 1924 in Karlsruhe. Der Vater, Franz Joseph (1794-1855) - ein gelernter Müller - war als Holzarbeiter tätig. Seine Mutter Rosa (1804-1897), geb. Maier aus Menzenschwand, entstammte einer Kunsthandwerkerfamilie. Über seine Mutter ist Hans Thoma mit dem Maler Franz Xaver Winterhalter (1805-1873) verwandt, der insbesondere durch eine Vielzahl von Bildnissen Königin Viktorias, Prinz Alberts und ihrer Kinder zu Berühmtheit gelangte.

Nach kurzen Ausbildungszeiten als Lithograph, Anstreicher und Schildermaler in Basel und Furtwangen 1855-1859 selbständige Mal- und Zeichstudien in Bernau. 1859-65 Studium an der Kunstschule Karlsruhe bei Wilhelm Schirmer (1807-1863) in Landschaftsmalerei, Ludwig des Coudres (1820-1878) im Fach figürliches Zeichnen und Hans Canon, der vor allem maltechnische Anregungen vermittelt.

Da in Karlsruhe seine Bilder der Lehrmeinung widersprechen und in der Öffentlichkeit keinen Anklang finden, geht Thoma schließlich 1867 an die Düsseldorfer Kunstakademie. Dort macht er die Bekanntschaft von Otto Scholderer, der ihn stark beeinflußt und ihn 1868 auf eine Parisreise mitnimmt. Hier erfährt Thoma nachhaltige Anregungen durch seine Begegnung mit dem Werk Gustave Courbets. Aufgrund mangelnder Anerkennung 1870 Übersiedlung nach München, wo er bis 1873 bleibt. Hier verbinden ihn Freundschaften mit den Malern Viktor Müller, Wilhelm Leibl und Arnold Böcklin. 1874 unternimmt Thoma seine erste von insgesamt fünf Italienreisen, die ihn stark beeinflußt und ihm die Bekannschaften mit dem in Florenz lebenden Maler Hans von Marée und dem Bildhauer und Kunsttheoretiker Adolf von Hildebrand machen läßt.

Auf Vermittlung seines lebenslangen Förderers, des Arztes Dr. Otto Eiser, erhält Thoma einige Aufträge in Frankfurt, wo er von 1877-1899 gemeinsam mit seiner Frau Cella, geb. Berteneder (1858-1901), die er 1877 heiratet, seinen Wohnsitz hat. In den Frankfurter Jahren entsteht der größte Teil des Werks. Außerdem erzielt Thoma den künstlerischen Durchbruch mit seiner ersten Einzelausstellung 1884 in Liverpool und vor allem seiner Ausstellung im Münchner Kunstverein 1890.

1889 lernt er den Kunsthistoriker Henry Thode (1857-1920) kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet. Der Erfolg Thomas dokumentiert sich auch in Ehrungen, die ihm zuteil werden: 1890 wird er Ehrenmitglied der Akademie in München, 1898 »Königlich Preußischer Professor«, 1899 erfolgt die Ernennung zum Direktor der Kunsthalle in Karlsruhe und die Berufung zum Professor der dortigen Kunstschule. Zum Zeitpunkt seiner Berufung nach Karlsruhe steht Thoma auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er gehört zu den beliebtesten Malern seiner Epoche, was wiederum durch eine Vielzahl von Ehrungen zum Ausdruck kommt, so u.a. 1903 durch die Verleihung der Ehrendoktorwürde der philosophischen Fakultät an der Universität Heidelberg, 1905 die Berufung in die erste Badische Kammer und 1919 die Verleihung der Ehrenbürgerschaften von Freiburg und Karlsruhe.

1919 tritt er von der Leitung der Kunsthalle in Karlrsruhe zurück. Im gleichen Jahre erscheint der zweite Teil seiner Memoiren mit dem Titel »Im Winter des Lebens«, deren erster Teil, »Im Herbste des Lebens«, 1909 erschienen ist.

Zum künstlerischen Werk Thomas zählen Landschaften, religiöse, mythologische, allegorische Motive, Genrebilder, Illustrationen und Porträts. Wurde ihm von der zeitgenössischen Kritik eine gewisse Trockenheit und Leblosigkeit bei der Darstellung von Figuren vorgeworfen, so rühmte man ihm nach, daß insbesondere seine religiösen Bilder von der naiv-poetischen, innigen Auffassung seiner Themen profitierten. Thoma wurde nicht zuletzt aufgrund der Darstellungen des Kunsthistorikers Henry Thode als Inbegriff deutscher Art propagiert, so daß seine Bildmotive auf bestimmte Themen der Kunst des Dritten Reichs nachweislich Einfluß ausübten und die Nationalsozialisten in seiner »vaterländischen« Gesinnung einen Vorkämpfer für ihr Kunstideal zu erkennen glaubten. Die Rezeptionsgeschichte hat die Auseinandersetzung mit H.T. bis heute erschwert, der aufgrund seiner ursprünglich an der Realität orientierten Malerei noch 1871 von einem Kritiker als »Begründer der Sozialdemokratischen Malerei« bezeichnet wurde.

Werke: Im Herbste des Lebens, gesammelte Erinnerungsblätter von H.T., München 1909; Du mein Deutschland, Heimatbilder deutscher Künstler ausgewählt aus Bildern des Kalenders »Kunst und Leben«, Deutsche Gedichte, mit einer Titelzeichnung und einem Geleitwort von H.T., Berlin 1915; Die zwischen Zeit und Ewigkeit unsicher flatternde Seele, Jena 1917; Wege zum Frieden, Dritter Teil der »suchenden Seele«, Jena 1919; Im Winter des Lebens - Aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen, Jena 1919, Jahrbuch der Seele, Jena 1922; Briefwechsel H.T. - Conrad Fiedler, bearb. v. Arthur v. Schneider, Karlsruhe o.J. (1939); Briefwechsel H.T. und Georg Gerland hrsg. v. Jos. Aug. Beringer, Karlsruhe und Leipzig 1938; Briefwechsel H.T. mit Henry Thode, hrsg. v. Jos. Aug. Beringer, Leipzig 1928.

Bibliographie: Werkbeschreibung und Literatur: Umfassende Literaturübersicht und Verzeichnis der Ausstellungen und Kataloge im Ausstellungskatalog: H.T. Lebensbilder, Gemäldeausstellung zum 150. Geburtstag, Augustinermuseum Freiburg im Breisgau , Königstein im Taunus 1989; - H.T. 1839-1924; zum 150. Geburtstag. Zeichnungen und Druckgraphik aus dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Karlsruhe 1989, mit Bibliographie und Literaturverzeichnis 161-169; - H.T.: 1839-1924; Gemälde und Zeichnungen aus der Sammlung Georg Schäfer, Schweinfurt 1989.

Literatur: Marlene Angermeyer-Deubner, H.T. - ein »Kämpfer für Deutsche Kunst«? Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte H.T.s, in: Jahrbuch d. Staatl. Kunstsammlungen in Baden-Württemberg, Bd. 25 1988, 160-188; - Jos. Aug. Beringer, H.T. Griffelkunst, Frankfurt/M. 1916; - ders. H.T. , München 1922; - ders. H.T., Radierungen, Vollständiges Verzeichnis der radierten Platten und ihrer Zustände, München 1923; - ders. (Hrsg.), H.T.: Aus achtzig Lebensjahren. Ein Lebensbild aus Briefen und Tagebüchern gestaltet von Jos. Aug. Beringer, München 1929 bzw. 2. Aufl. Leipzig 1929; - Hermann Eris Busse, H.T., Leben und Werk, Berlin 1935; - ders., H.T., sein Leben in Selbstzeugnissen, Briefen und Berichten, Berlin 1942; - Kurt Karl Eberlein (Hrsg.), H.T. Gedichte und Gedanken, Konstanz 1919; - Karl Josef Friedrich (Hrsg.), Das H.-T.-Buch, Freundesgabe zu des Meisters 80. Geburtstage, Leipzig 1919; - J. Friz, Zum Sehen geboren, H.T., der Mensch und Künstler, Stuttgart 1924; - Christa v. Helmolt, H.T. - Spiegelbilder, Stuttgart 1989; - Ludwig Justi. H.T., Ein Führer zur Thoma-Sammlung der Nationalgalerie, Berlin 1921; - ders. H. T., 100 Gemälde aus deutschem Privatbesitz, Berlin 1922; - ders. H.T., Obernach 1949; - Walter Kreuzberg (Hrsg.), H.T. und Frances Grun, Lebenserinnerungen von Frances Grun, Frankfurt/M. 1957; - Karen Kuehl, H.T./Die Frankfurter Jahre, Magisterarbeit Frankfurt/M. 1979; - J. Lauts, H.T., Königstein im Taunus 1963; - Hermine Maier-Heuser, Vertraute Stunden mit H.T., Zürich/Leipzig 1925; - dies. Heiteres und Ernstes um H.T., Buxheim/Allgäu 1925; - K. Martin, Führer durch das H.-T.-Museum, Karlsruhe 1957; - Eberhard Marx, T. H., in: Kindlers Malerei Lexikon, Bd. 11, München 1982, 353-355; - Franz Hermann Meissner, H.T., Leipzig 1899; - Fritz v. Ostini, H.T., Bielefeld/Leipzig (Velhagen und Klasing, Künstlermonographien Bd.XLVI); - ders., H.T., Eine Huldigung zu des Meisters 76. Geburtstag, in: Deutsche Kunst und Dekoration 37, 1915/16, 3-37, 38-40: Ein offener Brief von H.T. an den Herausgeber; - G. Poensgen, H. T., in: Eberhard Knittel zum 60. Geburtstag, Karlsruhe 1959, o.S.; - Joachim Rössiger (Hg.), H.T. und Rainer Maria Rilke: Gedanken über einen Brief des Malers vom 2. November 1899, Frankfurt/M. 1986; - Arthur v. Schneider, H.T. Zeichnungen, Freiburg/Br. 1932; - Julius Schwoerer, Maibowle und Kalte Ente, Zwei unbekannte Aquarelle von H.T. in: Badische Heimat, Heft 4, 1974, 36-52; - Margarete Spemann; Stunden mit H.T., Stuttgart 1939; - Henry Thode (Hrsg.), Des Meisters Gemälde in 874 Abbildungen, Stuttgart/Leipzig 1909 (= Klassiker der Kunst Bd. 15); - ders., H. T. und seine Kunst, Vortrag gehalten zum 60. Geburtstag des Meisters, Frankfurt/M. 1899; - ders., H.T. Betrachtungen über die Gesetzmäßigkeit seines Stiles, in: Die Kunst für Alle 19, 1904, 309 ff. Selbständig veröffentlicht Heidelberg 1905; - ders., H.T. Gemälde, 6 Bde. Frankfurt/M. 1910; - W. Ulbricht, H.T., Ein Malerdichter aus dem Schwarzwalde, Berlin 4. Aufl.1954; - H. Vollmer T. H., in: U. Thieme, F. Becker »Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler« Bd. XXXIII, Leipzig 1939, 47 ff.; - Irma Gerda Weber, Die Themenkreise im Schaffen H.T.s, Diss. Halle 1974; - Heinrich Werner, H.T., Bielefeld, Leipzig 1919; - Peter Wiemer, H.T., in: »Führer« (Badischer Staatsanzeiger) 11.11.1934; - Ernst Willers, T.H., in: Thieme-Becker KünstlerLexikon, Bd. XXXVI, Leipzig 1947, 18; - Ernst Würtenberger, H.T., Erlenbach-Zürich 1924.